Apollonia & Berat – Interessante Historie und Archäologie in Albanien

Apollonia & Berat — Zwei Orte, die man nicht auf dem Radar hat. Sollte man aber definitiv! Gestern habe ich an einem einzigen Tag fast 2.600 Jahre Geschichte berührt. Nicht als Metapher — buchstäblich. Meine Hand auf dem Stein eines Bouleuterions aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Meine Schuhe auf dem Kopfsteinpflaster einer osmanischen Burgstadt, in der heute noch Menschen wohnen. Das Gefühl, das dabei entsteht, lässt sich schlecht beschreiben. Es ist keine Ehrfurcht im klassischen Sinn. Es ist eher die Stille, die kommt, wenn man begreift, wie lächerlich kurz die eigene Zeitrechnung ist.

Apollonia — Die Stadt, die Augustus formte

Apollonia wurde um 600 v. Chr. von griechischen Siedlern aus Korinth gegründet — auf einem Hügel über dem heutigen Dorf Pojan, im Westen Albaniens, etwa 12 Kilometer von der Adria entfernt. Sie wuchs auf Sklavenhandel, Landwirtschaft und einen Hafen, der hundert Schiffe fassen konnte.

Was ich dort nicht erwartet hatte: die schiere Stille. Ein paar andere Besucher, Hunde, die zwischen den Ruinen dösen, und dieser seltsame Kontrast zwischen den kommunistischen Bunkerruinen von 1967 — rund 400 Betonbunker, die damals schweres Gerät auf dem antiken Stadtgebiet hinterlassen hatte — und den dazwischen aufragenden dorischen Säulen. Das war kein Museum. Das war eine Überlagerung von Zeitaltern, unkommentiert.

Kaiserliche Besucher in Apollonia

Der bekannteste Besucher Apollonias war übrigens kein Tourist. Gaius Octavius, der spätere Kaiser Augustus, studierte hier 44 v. Chr. Die Stadt war zu dieser Zeit eines der wichtigsten Zentren für griechische Philosophie, Rhetorik und militärische Ausbildung im ganzen Imperium. Cicero soll sie als „große und bedeutende Stadt“ bezeichnet haben. Was davon übrig ist, kann man heute noch ablaufen — die Große Stoa mit ihren achteckigen dorischen Säulen, das Odeon mit 16 erhaltenen Sitzreihen, den Tempel, die Agora. Schätzungen zufolge sind bislang nur etwa zehn Prozent der ursprünglichen Stadt ausgegraben.

Klostermuseum als erhellende Abwechslung

Das Klostermuseum direkt am Eingang zeigt, was die Ausgrabungen bisher zu Tage gefördert haben: Statuen, Mosaike, Münzen, Keramik. Das Kloster selbst — gebaut im 13. Jahrhundert, teilweise aus Steinblöcken des antiken Theaters — ist ein eigenes kleines Wunder. Die Fresken im angrenzenden Refektorium aus dem 14. Jahrhundert gehören zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Wandmalereien Albaniens.

UNESCO-Status:

Apollonia steht auf der Warteliste, ein Hinweis, der im Netz oft fehlt: Apollonia ist bis heute kein UNESCO-Weltkulturerbe — zumindest nicht offiziell. Die alte Stadt Apollonia steht auf der albanischen UNESCO-Tentativliste, ist also nominiert, aber noch nicht eingeschrieben. Albanien betreibt die Kandidatur aktiv. Ob und wann die Einschreibung kommt, ist offen. Was den Besuch nicht weniger lohnenswert macht — im Gegenteil. Man hat das Gelände fast für sich.

Praktische Infos

Der Eintritt kostet 600 Lek (~6 €), nur Barzahlung. Geöffnet täglich 9–17 Uhr (Sommer bis 20 Uhr). Kein öffentlicher Nahverkehr, am besten mit eigenem Auto oder Taxi aus Fier (~12 km). Auf dem Gelände gibt es zwei Restaurants — das eine am Eingang, das andere oben auf dem Hügel mit Blick über die Ausgrabungsfelder. Restaurant Léon Rey heißt das zweite, nach dem französischen Archäologen, der hier zwischen 1924 und 1938 grub.

Berat, wo Moscheen und Kirchen Wand an Wand stehen

Etwa 90 Minuten Fahrt von Apollonia entfernt liegt Berat. Berat und Gjirokastra wurden 2005 und 2008 als UNESCO-Weltkulturerbe eingeschrieben — als seltene Beispiele osmanischer Architektur, die bezeugen, wie verschiedene religiöse und kulturelle Gemeinschaften über Jahrhunderte koexistiert haben.

Die Stadt hat das Alter. Berat geht auf eine illyrische Siedlung im 4. Jahrhundert v. Chr. zurück und hat seitdem byzantinische, römische und osmanische Einflüsse aufgenommen. Die Osmanen kamen 1417 — und was sie hinterließen, steht noch. Moscheen neben byzantinischen Kirchen, osmanische Häuser mit ihren übergroßen Bogenfenstern, die den Namen „Stadt der tausend Fenster“ erklären. Berats drei historische Viertel haben je einen eigenen Charakter: Mangalem auf der Westseite des Osum-Flusses entwickelte sich als muslimisches Viertel, Gorica auf der anderen Seite beherbergte die christliche Bevölkerung, und die Kala — die Burg — thront über beiden.

Die Fußgängerroute

Der Aufstieg zur Burg beginnt unten am Osum-Fluss. Das sollte man wissen, bevor man startet — nicht weil es einen abschrecken sollte, sondern weil man sich sonst zu leicht nehmen könnte, was das Tal einem anbietet: zuerst diesen ruhigen Blick auf die Fensterreihen von Mangalem von unten, und dann, Schritt für Schritt, den langsamen Wechsel der Perspektive. Der Aufstieg ist anstrengend. Wirklich anstrengend. Die Sonne, das Kopfsteinpflaster, die Steigung, die nicht aufhört.

Oben dann — und das war einer dieser Momente, die den ganzen Weg rechtfertigen — traf ich auf einen albanischen Guide, der mir anbot, das Burggelände zu zeigen. Freundlich auf eine Art, die nicht aufdringlich war. Keine Floskel, kein Preis, der sich nach einem Deal anfühlte. Er kannte jeden Stein. Hat mir Dinge erklärt, an denen ich einfach vorbeigegangen wäre. Und am Ende hat er mir ein kleines Restaurant direkt auf dem Burgberg empfohlen — das war einer der besseren Tipps des Tages.

Der Ausblick von dort oben ist das, wofür Berat bekannt ist — und trotzdem hat mich die Realität überrascht. Diese Ansicht auf Mangalem, Fensterreihe über Fensterreihe, der Fluss unten, die roten Dächer, die Berge dahinter: das ist tatsächlich so, wie es auf den Fotos aussieht. Das passiert selten.

Ein Labyrinth zwischen Steinen

Was die Fotos nicht zeigen, sind die Gassen dazwischen. Man denkt, man läuft eine Route. Dann biegt man ab, weil eine Mauer interessant aussieht, dann noch einmal, weil da eine Treppe ist, die nirgendwo hinzuführen scheint — und plötzlich weiß man nicht mehr, ob man gerade bergauf oder bergab geht, ob die nächste Kurve in eine Sackgasse mündet oder auf eine Plattform mit Blick über das ganze Tal. Dieses Labyrinth aus Steinhäusern ist halb Spiel, halb echte Ortschaft. Zwischendrin kleine Cafés, die kaum größer sind als eine Abstellkammer, Minirestaurants ohne Schild, kleine Gasthäuser, die man nur findet, wenn jemand die Tür gerade aufgemacht hat. Das ist kein inszeniertes Altstadtflair. Das ist einfach, wie dort Menschen leben. Und genau das macht den Unterschied.

Museum und Flussüberquerung

Im Onufri-Museum in der Burgkirche Dormitio der Jungfrau befinden sich die Ikonen des 16. Jahrhunderts des albanischen Malerfürsten Onufri. Er entwickelte eine eigene Farbpalette, besonders sein charakteristisches „Onufri-Rot“, das die albanische Sakralkunst für Generationen prägte. Das Museum ist klein, aber wirklich außergewöhnlich — und der Audioguide lohnt sich hier tatsächlich.

Dann runter nach Gorica über die Gorica-Brücke. Das Viertel auf der anderen Flussseite ist ruhiger, weniger touristisch, die Häuser etwas verschlafener. Das Beste an Gorica: die Rückblicke auf Mangalem und die Burg.

Codex Beratinus — ein Detail, das ich nicht vergessen will: In Berat lagern zwei der ältesten Evangelien-Manuskripte der Welt. Der Codex Beratinus, mit Evangelienhandschriften aus dem 6. und 9. Jahrhundert, ist Teil des UNESCO-Registers „Memory of the World“ (eingeschrieben 2005). Berat ist also nicht nur ein lebendes Architekturmuseum, sondern auch Hüter von Dokumenten, die die Frühgeschichte des Christentums berühren.

Essen — Wo ich war und was sonst noch funktioniert

The Arch · Organic Kitchen

Hier war ich. Das Restaurant liegt im Gorica-Viertel, in einem alten Haus mit einem kleinen Innenhof. Die Küche ist offen — man sieht den Frauen beim Kochen zu, während man sitzt. Das ist kein inszeniertes Erlebnis, das passiert einfach so.

Ich habe die Fërgesë gegessen, ein Berati Klassiker aus Tomaten, grüner Paprika und Hüttenkäse, langsam gegart, mit selbstgebackenem Brot. Und einen Raki zum Abschluss, den sie mir unaufgefordert hingestellt haben. Alles aus der Region, vieles aus eigenem Anbau.

Reservierung empfohlen: +355 69 587 7888. Geöffnet täglich 12–22 Uhr.

Homemade Food Lili — für den Abend

Lilis Restaurant im Mangalem-Viertel ist das meistempfohlene in ganz Albanien. Der Mann kocht nicht, er veranstaltet Abende. Seine Frau kocht, sein Vater macht den Wein, und Lili selbst läuft durch den Hof und begrüßt alle beim Namen. Acht Gerichte auf der Karte, alles handgemacht, Preise, die man kaum glauben kann.

Reservierung per WhatsApp, möglichst ein paar Tage im Voraus: +355 69 234 9362.

Temi Albanian Food — in der Burg, zum Mittagessen

Direkt in die Burgmauern gebaut, schattiger Außenbereich auf den schmalen Kopfsteinpflastergassen. Die selbst gemachten Meatballs und die gefüllten Paprikas sind sehr gut. Hausgemachtes Olivenöl und Raki kauft man hier auch flaschenweise zum Mitnehmen.

Ab 01. Juni 2026 ist Albanien Teil der Reisen von Individual Journey — kleine Gruppen, lokale Guides, echte Begegnungen. Wenn du informiert werden möchtest, sobald die Reisen buchbar sind, schreib mir gerne.

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