Zallinger in den Dolomiten. Auf 2.054 Metern hört der Lärm auf.

Ich stehe vor dem Haus, es ist kurz nach acht, und das Erste, was ich sehe, sind die Haflinger. Sie grasen frei über die Wiese, während irgendwo aus der Ferne das Läuten von Kuhglocken herüberweht. Kein Auto hat hierher gefunden – wer kommt, parkt im Tal und lässt sich mit dem Zallinger-Shuttle hinauffahren. Der Nebel liegt noch tief zwischen den Wiesenkuppen, und irgendwo dahinter, unsichtbar in diesem Moment, warten Schlern und Rosengarten darauf, dass die Sonne sie freigibt.

Ich habe in den letzten Jahren viele Hochalmen gesehen. Die meisten verkaufen ihre Ruhe. Zallinger lebt sie einfach – und das ist ein Unterschied, den man erst versteht, wenn man ein paar Tage bleibt.

Luisa und Markus führen das Haus, und man merkt sofort: Das hier ist kein Betrieb, das ist ihr Leben. Aus den jahrhundertealten Scheunen der Alm sind sechs Chalets geworden, dazu das liebevoll restaurierte Stammhaus – alt und neu so miteinander verwoben, dass man kaum sagen kann, wo das eine aufhört und das andere beginnt.

Um acht beginnt die Yogastunde – nicht draußen, sondern im Ruheraum der Sauna, wo es warm ist und nach Holz riecht. Man legt seine Matte auf den Boden, der noch die Wärme vom Vorabend hält, und irgendwann setzt sich die Gruppe von selbst in Bewegung. Danach: Frühstück, und schon hier merkt man, wie ernst man Tradition hier nimmt. Die Salami auf dem Teller ist Hirschsalami, selbst gemacht – Markus jagt selbst, und was er erlegt, verarbeitet er gemeinsam mit dem Küchenteam zu Gerichten, die man so kein zweites Mal isst. Kein Etikett, keine Geschichte, die man einem erzählt, um zu beeindrucken – sie schmeckt einfach so, wie sie schmecken soll.

Irgendwann im Lauf des Aufenthalts – nicht als festes Ritual, eher als Gelegenheit, die sich ergibt – gibt es Schnaps. Kräuterschnäpse, mehrere Sorten, aber der, über den am längsten gesprochen wird, ist der Schafgarbenschnaps. Bitter, kräftig, mit einem Nachgeschmack, der an die Wiesen erinnert, durch die man gerade gelaufen ist. Man trinkt ihn in kleinen Gläsern und in kleinen Schlucken, und man merkt: Das hier ist kein Produkt für Touristen. Das ist etwas, das die Menschen hier für sich selbst gemacht haben, lange bevor jemand fragte, ob er das auch probieren dürfe.

Einmal in der Woche wird Brot gebacken, gemeinsam, im alten Ofen. Man steht dabei, manche kneten mit, die meisten schauen zu und reden über nichts Bestimmtes. Abends dann der Kamin im Stammhaus – dort, wo aus Fremden Bekannte werden und aus Small Talk irgendwann echte Gespräche.

Was mich an Zallinger am meisten beschäftigt hat, ist etwas anderes: Luisa und Markus haben nie versucht, etwas zu sein, was sie nicht sind. Ihre Haflinger sind nicht Kulisse, sondern Herzensangelegenheit – Luisas Pferde haben bei den Europameisterschaften der Haflinger mehrfach Gold im Springreiten geholt, und wer sie danach fragt, bekommt eine Antwort, die nicht so schnell endet. Sie haben ihre Identität definiert – Berg, Tradition, Handwerk, Langsamkeit – und leben sie, ob nun jemand zuschaut oder nicht. Das ist selten geworden.

Das Wandergebiet selbst ist eines der schönsten, die ich in den Dolomiten kenne – offene Almflächen auf über 2.000 Metern, mit dem Schlern auf der einen und dem Plattkofel auf der anderen Seite. Von der Terrasse aus reicht der Blick vom Plattkofel über den Molignon-Pass bis zum Schlernmassiv und weiter zu den Ötztaler Alpen – ein Panorama, für das man sonst weitaus höher steigen müsste. Rundherum liegen Hütten, jede mit ihrem eigenen Charakter, aber eine davon lohnt einen eigenen Umweg: die Plattkofelalm. Direkt unter der Felswand gelegen, mit einem Blick, der einen zwingt, das Gehen für ein paar Minuten zu vergessen. Man setzt sich hin, bestellt etwas, das man auf der Karte nicht kennt, und merkt, dass man es genau deshalb bestellt hat.

Luxus bedeutet an diesem Ort nicht, was er meistens bedeutet. Kein Marmorbad, kein Türsteher. Luxus ist hier: aufwachen ohne Verkehrslärm, essen, was jemand mit den eigenen Händen gemacht hat, und einen ganzen Tag lang keine einzige Entscheidung treffen müssen, die wichtiger ist als: welcher Weg heute.

Ich frage mich, seit ich zurück bin, wie viele Orte es noch gibt, die sich ihre Identität und Wirkung erhalten haben.

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