Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um unterwegs zu sein. (Johann Wolfgang von Goethe)

Warum ich reise
Ich reise nicht, um Listen abzuhaken oder um Fotos vor Sehenswürdigkeiten zu machen. Ich reise, weil ich neugierig bin. Auf Menschen. Auf Geschichten. Auf Widersprüche. Und manchmal auch auf mich selbst.
Reisen bedeutet für mich: Raus aus der Komfortzone, rein ins Unbekannte – mit offenem Herzen, kritischem Blick und viel Raum für Fragen. Fragen, die mir zu Hause oft nicht einfallen, weil alles so laut ist. Weil alles so schnell ist. Weil man zu selten innehält.
Doch unterwegs – irgendwo in Usbekistan auf einem Basar, zwischen Lehmhäusern in Kirgisistan oder beim Tee in einem Moskauer Café – entsteht plötzlich dieser stille Moment, in dem sich die Welt ein kleines Stück verschiebt. Und mit ihr meine Sicht darauf.
Reisen ist ein Perspektivwechsel
Wenn ich unterwegs bin, schaue ich nicht nur auf die Welt – die Welt schaut auch auf mich zurück. Und sie stellt Gegenfragen.
- Warum lebst du so, wie du lebst?
- Warum denkst du, dass deine Wahrheit universell ist?
- Warum glaubst du zu wissen, wie die Dinge sind?
Diese Momente liebe ich – und sie fordern mich heraus. Weil sie ehrlich sind. Weil sie unbequem sein können. Und weil sie mich zwingen, das Bekannte infrage zu stellen.
So wie Lutz Jäkel in seinen Bildern und Reportagen Räume öffnet für andere Narrative – jenseits von Stereotypen – versuche ich auf meinen Reisen, zuzuhören, statt zu urteilen. Zu beobachten, statt zu erklären. Und die eigene Haltung immer wieder zu hinterfragen.





Begegnungen statt Behauptungen
Ich erinnere mich an eine Szene in Samarkand: Eine alte Frau verkauft getrocknete Aprikosen am Straßenrand. Wir kommen ins Gespräch – mit Händen, Füßen, Blicken. Sie lacht. Ich lache. Wir verstehen uns – obwohl wir kein einziges Wort gemeinsam sprechen.
Diese Art von Begegnung verändert mich. Nicht laut, sondern leise. Nicht für Instagram, sondern für mein Inneres. Sie schärft meine Wahrnehmung – für das, was wirklich zählt. Für Menschlichkeit. Für Verbindung. Für Würde.
Über das Reisen zu schreiben heißt verarbeiten. Tiefer blicken. Den Dingen Sinn geben, ohne sie festzunageln. Nicht die eine Wahrheit erzählen – sondern viele Stimmen hörbar machen.













Reisen ist auch eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben
Je länger ich reise, desto bewusster wird mir, wie viel meines Weltbildes geprägt ist von dem Ort, aus dem ich komme. Von dem Leben, das ich führe. Von den Sicherheiten, die ich für selbstverständlich halte. Von Privilegien, die ich oft gar nicht bemerke. Aber wenn ich Menschen begegne, die mit weniger auskommen – und dabei oft mehr geben –, fängt mein Denken an, sich zu dehnen. Nicht um mich schlecht zu fühlen, sondern um zu wachsen. Und um zu erkennen: Meine Art zu leben ist nur eine von vielen Möglichkeiten.
Was bleibt
Reisen verändert mich. Nicht auf einen Schlag. Nicht immer sichtbar. Aber stetig. Und tief. Ich komme anders zurück, als ich losgegangen bin. Mit mehr Fragen als Antworten. Mit neuen Gedanken im Gepäck. Und mit einer Demut, im Alltag oft verloren geht. Deshalb reise ich weiter. Nicht, um der Welt meinen Stempel aufzudrücken. Sondern um zu lernen. Und um zu erinnern: Wie wenig wir wissen. Und wie viel wir entdecken könnten – wenn wir bereit sind, wirklich hinzuschauen.





Und du?
Wann hast du dich das letzte Mal auf eine Reise eingelassen, die dich wirklich berührt hat? Wann hast du zuletzt etwas zum ersten Mal gesehen – oder in Frage gestellt? Und wann hast du das Unbekannte als Einladung verstanden?
Vielleicht ist jetzt der richtige Moment.