Und wieder einmal bin ich überrascht. Überrascht von der Art und Weise wie hier in Nepal „Probleme“ gelöst werden. Was sind schon Erdrutsche und nicht befahrbare Straßen!
Nach dem Manaslu Trek starten wir zeitig am Morgen. Der Wecker steht auf 5:30 Uhr. Müde stehe ich auf, mache mich frisch und packe den Rest der Klamotten, Zahnbürste und Handtücher in meinen Rucksack. Mein Rucksack… zum vorerst letzten Mal wird er vollgestopft mit allem, was ich dabei habe. Regenschutz drüber (eine tatsächlich sehr sehr wichtige Sache, wie sich herausstellt) und ab zum Frühstück. Heute Chapati mit Käse und natürlich Kaffee mit Milch. Yak-Cheese! Sehr lecker, ein kleines bisschen würzig, aber ganz und gar nicht grantig wie so manch Schweizer Käse.
07:00 Uhr geht es los. Der Jeep wird gepackt. Mit mir fahren 3 junge Israelis, wir teilen uns den Jeep. Oren, Tal und Tamir. Alle drei haben mich während des Treks mal mehr mal weniger begleitet. Oder ich sie, je nachdem, wie man es betrachtet. Wir haben uns wohl gegenseitig adoptiert 😉
Arjun, der Guide der 3er- Gruppe, der Fahrer und wir vier sitzen im Auto. Mein Guide und Porter und der Porter der Israelis sitzen mit unseren Rucksäcken hinten auf der Ladefläche. Die Sonne lacht, es wird eine lange Fahrt mit ca. 7-8 Stunden. Der Jeep zuckelt los, über Fahrwege mit großen Schlaglöchern und durch von Wasserfällen „überfluteten“ Straßen. Ein sehr guter, routinierter Fahrer, versichert uns Arjun. Ich vertraue ihm und genieße das Ruckeln und Hin- und Her-Schaukeln auf der Rücksitzbank.
Wir fahren etwa 1,5h bis wir auf eine kurze Schlange anderer Vehikel treffen. 2 bunte Lorries, 3 oder 4 Jeeps und ein Traktor vor uns. Wir halten an, Arjun und unserer Fahrer steigen aus, laufen nach vorn zum ersten Auto. Wir folgen neugierig und wollen natürlich auch erfahren, was hier los ist. Die Straße ist derzeit unbefahrbar. Durch den vielen Regen der letzten Tage haben sich Erde und Steine vom Hang gelöst und haben einen Teil des Fahrwegs mitgenommen. Nach unten in das Flussbett. Wir schauen nach unten… ich stehe da und frage mich relativ gelassen, was nun. Ich warte einfach mal, was passiert. Arjun und Chakara beginnen zu telefonieren. Sie erklären, dass es eine Option wäre, von Besisahar einen Jeep kommen zu lassen, der uns abholt und weiterfährt. Das würde nochmal etwas kosten, wäre aber eine Option. Ich schaue meine 3 Begleiter Oren, Tal und Tamir an. Wir zucken mit den Schultern und warten. Es reihen sich drei weitere Jeeps in den „Stau“ ein. In einem davon sitzt ein Schweizer Paar, das ich ebenfalls oft unterwegs getroffen habe: Martina und Claudio. Beide super lieb und nett, auf einer 6-monatigen Auszeit. Claudio kommt zu uns nach vorne gelaufen und schaut sich die Situation an. Ja, irgendwie und irgendwann wird es weiter gehen. Geduld ist angesagt. Alle Nepalesen besprechen sich, scheinen eine Idee zu haben. Mein Guide Chakara zieht die Schuhe aus, Arjun geht zur abgebrochenen Straße und nickt. Das soll wohl heissen: Ja, das kann funktionieren! Und dann geht es los: Die Hälfte der Leute packen an und reparieren den Fahrweg. Große und echt schwer aussehende Steine werden herangeholt. Kleinere Steine und Schutt-ähnliche Brocken werden an den Abhang bugsiert. Ich frage mich, ob ich träume oder das wirklich wahr ist. Ich fühle mich etwas ergriffen: Fast alle packen an und reparieren den Fahrweg. Einige barfuß, andere in Schuhen. Motiviert, das Problem zu lösen, damit alle in Richtung Besisahar weiterfahren können. So funktioniert das hier: Anpacken und lösen!



Wer fährt zuerst drüber? Wird es halten? Für alle Jeeps, die sich angestaut haben? Ich hoffe ja und in dem Moment setzt sich ein Nepalese in seinen Jeep und fährt langsam los. Er fährt vor und zurück, vor und zurück- mehrfach – um den Fahrweg zu „glätten“ und eine Spur zu ziehen. Grandios! Alle scheinen mit dem Ergebnis zufrieden. Unser Fahrer und die Fahrer der anderen Jeeps setzen sich ans Steuer und fahren langsam über die noch vor wenigen Minuten abgebrochene und nicht befahrbare Stelle. Geschafft! Wir steigen ein und fahren weiter. Und während wir weiter tuckern, merke ich, wie einfach doch Themen gelöst werden können, wenn man die Dinge miteinander angeht und gemeinsam dasselbe Ziel vor Augen hat.
Danke, liebe Guides und Fahrer für den Einsatz!